System zur Privilegierung weißer Menschen: Anders als gelegentlich behauptet gibt es „umgekehrten Rassismus“ logisch und historisch nicht.
Menschen auf einer Demonstration. Schwarze Menschen und People of Color schreiben über den strukturellen Rassismus, der ihre Familiengeschichten geprägt hat, ihre Lebensläufe formt und ihren Alltag beherrscht. Und dennoch kommen immer wieder – in letzter Zeit verstärkt auch in linken Kreisen und Medien – grundlegende Fragen auf: Was ist Rassismus? Und wie unterscheidet er sich von möglichen Diskriminierungsformen gegen Weiße? Da es diese große Nachfrage nach Begriffsklärungen gibt, folgt an dieser Stelle eine erneute Auseinandersetzung mit den Wörtern Rassismus und Diskriminierung. Rassismus ist eine Ideologie, die besagt, dass Menschen mit bestimmten äußerlichen Merkmalen weniger wert seien als andere. Rassismus geschieht zugleich ganz konkret, nebenbei, unbewusst, gedankenlos. Ohne nachzudenken, beurteilen wir Menschen nach Name, Muttersprache, Herkunft, (sichtbarer) Religionszugehörigkeit oder Hautfarbe. Moment – wer ist mit diesem „wir“ eigentlich gemeint? Alle Menschen. Niemand ist vor rassistischen Denkmustern gefeit. Denn Rassismus wird erlernt und an die nächste Generation weitergegeben – in Form von Sprache, Kulturpraktiken, Kunst, Berichterstattung oder allgemein über jahrhundertelang gewachsenem „Wissen“. Niemand ist frei von rassistischer Sozialisation. Benachteiligt werden durch sie aber nur all jene, die als Nichtweiße gelesen werden. Das ist gut erforscht. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der strukturelle Charakter dieses Phänomens. Bei Rassismus geht es durchaus um Mikroaggressionen im Alltag: Schimpfwörter, dumme Witze, Gesten oder schräge Blicke, die nichtweiße Körper stets und überall treffen. Die bittere Realität ist aber auch: mit der „falschen“ Hautfarbe, dem „falschen“ Namen oder der „falschen“ Herkunft oder Religion hat man schlechtere Karten auf dem Wohnungs-, Bildungs-, Arbeits- oder Dating-Markt. Als nichtweiße Person wird man von der Polizei strukturell anders behandelt. In Anwesenheit der „Hüterinnen des Rechtsstaats“ fühlt man als Schwarzer Mensch oder Person of Color oft nicht etwa in Sicherheit, sondern unsicher, aufbauend auf den Erfahrungswerten, dass man als BPoC durch Polizeibeamtinnen oft mit willkürlicher Gewalt konfrontiert wird. Racial Profiling ist in dieser Hinsicht bloß eine von vielen greifbaren Ausformungen von rassistischen Strukturen, hier in Polizeibehörden. (…) Intersektionalität beschreibt auch die Verschränkung verschiedener Formen von Diskriminierung: Klassismus, Queerfeindlichkeit, Sexismus oder Ableismus. Das bedeutet im Umkehrschluss: Eine von Rassismus betroffene Person kann auch zusätzlich in anderen Kategorien benachteiligt werden. Deswegen ist es so wichtig (vor allem im Journalismus), sich auf Erzählungen und Geschichten einzulassen. Jeder Fall ist einzigartig. Und den von verschiedenen Formen der Benachteiligung betroffenen Menschen zuzuhören hilft, die Hintergründe zur strukturellen Benachteiligung besser zu verstehen. Nur über ein aufmerksames Zuhören kann ein Diskurs funktionieren. Nun wird von einigen Weißen behauptet, sie hätten – meist im Urlaub – in anderen Ländern mit nichtweißer Mehrheitsbevölkerung negative Vorurteile erlebt. Wurden also aufgrund ihrer weißen Hautfarbe anders gemacht, so wie es Nichtweiße in europäischen oder nordamerikanischen Gesellschaften aus ihrer Lebenserfahrung heraus berichten. Diese Weißen sagen demnach, dass sie von vietnamesischen Gastgeber*innen auf ihre Haarfarbe oder -struktur angesprochen wurden, sie haben vielleicht schlechte Erfahrungen im Anden-Urlaub gemacht, oder ihnen wurde als Ausländer in Kairo ein höherer Preis berechnet – im Taxi oder Restaurant. Nur: Wenn jemand aus Deutschland all the way nach Ägypten, Vietnam oder Peru fliegt, kann ersie sich ein paar Cents mehr für ein Mittagessen eben auch leisten. Außerdem fliegt man dorthin mit seinen weißen Privilegien im Rucksack. Eine punktuelle Benachteiligung, zum Beispiel auf der Straße als Touristin beschimpft zu werden, ist keine strukturelle Diskriminierung und schon gar kein Rassismus. Diese unangenehme Situation wird spätestens mit dem Boarding zurück nach Frankfurt aufgehoben. Zur Not ruft man als weiße Person die Tourismuspolizei des Landes an und die Täterinnen wandern direkt ins Gefängnis. Neben der Hautfarbe ist hier auch die Passfarbe wichtig. Als EU-Staatsbürgerinnen kann man in vielen Gesellschaften des Globalen Südens, besonders in Urlaubsdestinationen, mehr oder weniger machen, was man will. Die Kehrseite von Rassismus sind also weiße Privilegien.

via taz: Rassismus als System: Historisch tief verwoben