Unter der Herrschaft des faschistischen «Conducators» Ion Antonescu war auch Rumänien stark in den Holocaust verstrickt. Im Zuge der Annäherung an die EU kam es nach 1989 zu einer systematischen Aufarbeitung. Nun hebt der Antisemitismus erneut sein Haupt. Mit dem Erstarken rechtsextremer Parteien und Gruppierungen in Rumänien scheint die Erinnerung an die Rolle des Karpatenstaates während des Zweiten Weltkriegs herabgespielt zu werden. Dabei lässt sich auf durchaus ernstzunehmenden Ansätzen zur historischen Aufarbeitung und Erforschung aufbauen, die mitunter überraschende Details an den Tag brachten. (…) Es gehört daher zu den markanten Hinterlassenschaften des jüngst verstorbenen postkommunistischen Präsidenten Ion Iliescu, dass er 2003 eine internationale Historikerkommission einberief, die einen Bericht erstellen sollte über die Tatsachen des Holocaust in Rumänien. 31 international renommierte Wissenschafter recherchierten unter dem Vorsitz des Auschwitz-Überlebenden und Nobelpreisträgers Elie Wiesel in ihren Spezialgebieten für einen am Ende über 400 Seiten umfassenden Report, den Iliescu schon 2004 öffentlich im Parlament vorstellen konnte. Der nach der Wende von 1989 grassierenden Welle der Verherrlichung Ion Antonescus – des 1946 als Kriegsverbrecher hingerichteten «Conducators» (Führers) – stellte der «Raport» dessen Befehle zu den Deportationen rumänischer Juden und Roma entgegen, die in Lagern und Ghettos zu Hunderttausenden zu Tode kamen. Historische Sündenbock-Mythen wie die von den «Judäo-Bolschewisten» wurden aufgrund von Quellenmaterial als Bemäntelung pogromartiger Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung aufgedeckt. Auch das Geschehen in Iasi fand eine faktenbasierte, objektive Darstellung. Mit dem die Umrisse des rumänischen Anteils am Holocaust präzise vermessenden «Raport» wurde nicht ganz zufällig auch eine Bedingung für die Aufnahme des Landes in die Nato und die EU erfüllt. Zudem initiierte der «Raport» neue Forschungen, insbesondere in den jüdischen Studien und zum rumänischen Holocaust. Der Autor des Iasi-Kapitels im «Raport», Adrian Cioflanca, wurde zum Experten für die Geschichte des Holocaust und amtiert mittlerweile als Direktor eines entsprechenden historischen Instituts in Bukarest. Rumänien begeht jährlich den Holocaust-Tag und ist frühes Vollmitglied der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Ob diese Publizität der Kommission und die Implementierung ihrer Ergebnisse in Schulcurricula dazu führte, dass die Leugnung der Teilnahme am Holocaust abgenommen hat und das Wissen um das Geschehen breiter gestreut ist? Bedenkliche Zunahme Anfang Juli stellte das Institutul National pentru Studierea Holocaustului din Romania Elie Wiesel (Nationales Institut zur Erforschung des Holocaust) allerdings in seinem jüngsten Monitorbericht eine deutliche Zunahme der rechtsextremen, antisemitischen Äusserungen und Übergriffe im Lande fest. Mit dem vor allem durch ihre Internetaktivitäten geförderten Aufkommen der rechtsextremen Partei AUR unter George Simion ist offensichtlich auch die Schwelle gesunken, verbotene oder verpönte Wortmeldungen und Symbole offen zu gebrauchen. Sowohl in Reden als auch in der offenen Komplizenschaft mit neolegionären Aktivisten legen sich Politiker der unterschiedlichen Lager der extremen Rechten kaum noch Zügel an.

via nzz: Die neue Rechte setzt auf antisemitischen Schick: Rumänien hatte sich seiner Beteiligung am Holocaust gestellt – jetzt wächst der Revisionismus an

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