Von bis zu 250.000 deutschen und österreichischen Tätern beim Holocaust geht die Zeitgeschichte aus. Machte sie Befehlsnotstand, Sadismus, Verrohung dazu? Historiker nennen einen anderen Grund. (…) Jetzt hat Frank Bajohr, Historiker am renommierten Institut für Zeitgeschichte in München, in dem Sammelband „Nationalsozialistische Täterschaften“ eine aktuelle Bilanz der Täterforschung gezogen. Das ist sinnvoll, denn wichtige Erkenntnisse dieser seit den 1990er-Jahren stark angewachsenen Unterdisziplin sind verstreut in verschiedenen Büchern und Aufsätzen zu finden. Heute geht man von 200.000 bis 250.000 deutschen, österreichischen und „volksdeutschen“ Tätern beim Holocaust aus. Hinzu kam eine nicht genau zu quantifizierende Zahl an Kollaborateuren, vor allem Litauern, Letten und Ukrainern, die Pogrome gegen Juden nach der deutschen Besetzung begannen oder in verschiedenen Organisationsformen als Hilfspolizei oder sogenannte Hilfswillige (HiWis) unmittelbar an Tötungen mitwirkten. Betrachtet man die im weiteren Sinne deutschen Täter, so fällt auf, dass es zwar darunter einen gewissen Anteil an Sadisten und anderen seelisch Gestörten gab. Für den Großteil traf das allerdings nicht zu. Ebenfalls als nicht haltbar erwies sich Bajohr zufolge die These, die Gewalterfahrung des Ersten Weltkriegs sei die Voraussetzung für das entgrenzte Morden im Zweiten Weltkrieg gewesen. Auch individuelle Motive für Morde, nach denen Strafrechtler instinktiv immer zuerst suchen, ließen sich nur in relativ wenigen Fällen finden: persönliche Habgier, Eifersucht, sexuelle Motive und andere typische Ursachen waren nur bei wenigen Tätern festzustellen. Eindeutig widerlegt sind sogar die oft erhobenen Behauptungen von Angeklagten, sie hätten aus Befehlsnotstand gemordet, wären also selbst erschossen worden, falls sie sich geweigert hätten, wehrlose Opfer umzubringen. Jedoch haben Tausende Verteidiger in Zehntausenden Ermittlungs- und Strafverfahren nicht einen einzigen konkreten Fall für einen solchen Befehlsnotstand anführen können. Im Gegenteil ist oft belegt, dass Vorgesetzte ihren Männern die Wahl ließen, sich an Massenmorden zu beteiligen. Die allermeisten nutzten diese Möglichkeit nicht. (…) Sicher einen gewichtigen Anteil hat das Phänomen der Kameradschaft. Bajohr beschreibt es anhand eines Zitates des späteren Publizisten Sebastian Haffner, das sich auf eine nicht mörderische Situation, ein Ausbildungslager für angehende Juristen im Sommer 1933, bezieht: „Die Kameradschaft beseitigt völlig das Gefühl der Selbstverantwortung. Der Mensch, der in der Kameradschaft lebt, ist jeder Sorge für die Existenz, jeder Härte des Lebenskampfs enthoben. Viel schlimmer ist, dass Kameradschaft dem Menschen auch die Verantwortung für sich selbst und vor Gott und seinem Gewissen abnimmt. Er tut, was alle tun.“ Damit lassen sich viele, wenn auch nicht alle Taten im Zusammenhang mit dem Holocaust erklären. Mit seiner offen antisemitischen Politik hatte das NS-Regime faktisch Juden für vogelfrei erklärt. Meistens paramilitärische Gruppen aus Polizisten und Reservisten, aber auch Verwaltungsbeamten und – in den KZs – weiblichen Helferinnen setzten erkennbar amoralische Befehle um und wehrten sich nicht dagegen, weil ja „alle“ mitmachten.
via welt: Was machte eine Viertelmillion Deutsche zu Mördern?

Von Photographer: Pfc. W. Chichersky. (Army) – The U.S. National Archives and Records Administration, <a rel=”nofollow” class=”external text” href=”https://www.archives.gov/research/arc/index.html”>Archival Research Catalog (ARC)</a>, ARC Identifier 531260], Gemeinfrei, Link